
J>KH BAUINGENIEUR
1928 HEFT 1.
wolil sinnfallig zeigen, ein vom Ingenieur geschaffener riesiger
Organismus, eine Maschine, die bestimmte Funktionen zu
erftillen hat. Wir mtissen uns also hier bei der schónheitlichen
Bewertung beweglicher Briicken anders einstellen, ais wir es
bei Hochbauten oder festen Briicken zu tun pflegen.
Auf diesem schwierigen Sondergebiet der beweglichen
Briicken mul3 der Ingenieur vor allem sein Hauptaugenmerk
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riesige Doppelwahrzeichen der Arbeit an dieser Stelle von sehr
eindringlicher Wirliung werden, und es ware denkbar, daB die
kunstsinnigen Stadtvater dafiir etwas tiefer in den Stadtsackel
zu greifen bereit waren.
Fiir eine zum Tragwerk der Eisenbahnbriicke g e g e n ś a tz -
iic h e Losung kommt wohl aus technischen und wirtschaftlichen
Uberlegungen in erster Linie die Klappbriicke in Frage; doch
wird es ilir nicht leicht fallen, sich gegeniiber den riesig auf-
steigenden Massen der Eisenbahnbriicke durchzusetzen®.
KAMMER, WETTBEWERB ZUM NEUBAU DER KÓNIGINNENBROCKE IN ROTTERDAM.
auf die Oberwindung technischcr Scliwierigkeiten richten —
was bei der rapiden Entwicklung schon angespannteste Tatig
keit erfordert — , so daB auf schonheitlichem Gebiet noch vielcs,
beinahe alles zu klaren bleibt. Das ganze Gebiet ist neu; die
Alitarbeiter des Ingenieurs, die die asthetische Seite pflegen
solJen, also in erster Linie die Architekten,
miissen sich hier in die scbwierige Wesens-
art des Bauwerkes einfiihlen, diesen reich
gegliederten Organismus innerlich zu ver-
stehen suchen, um treffende und nach-
haltige W irkungen zu erzielen. Erst dann
werden wir damit rechnen kónnen, daB
diese komplizierten Gebilde der Ingenieur-
baukunst auch einen fiir weite Kreise
sinnfalligen Ausdruck erhalten. Die Hub-
briicke bildet im gewissen Sinne vielleicht
eine Ausnahm e; sie kommt von allen be
weglichen Briicken wohl am meisten der
Wirkung nahe, die von einer festen Brucke
ausgeht. Immer, ob sie geschlossen oder
gedffnet ist, zeigt sie dieselbe Marę, stabilc
Form; auch auf den Laien pflegt die
zwischen den lotrechten Tiirmen hangende
wagerechte Balkenbriicke einen durchaus
ruhigen, wuclitigen Eindruck zu machen
und bleibt in ihrer Bewegung durchaus
verstandlich. Es scheint, ais ob einer
Losung des Rotterdam er Problemes durch
eine Hubbrucke zunachst ein Bedenken
gegeniiberstande: die in ca. ioo m Ent-
fernung liegendć Eisenbahnbriicke. Fiir
eine Hubbrucke vorgesehen, die durch
Nahe und ihre wuchtigen AusmaBe stets einen beherrschen-
den Eindruck hervorrufen wird. Der entwerfende Ingenieur
wird also abzuwagen haben, ob er sich fiir Wiederholung des-
selben Baugedankens oder fiir eine gegensatzliche Losung ent-
scheiden soli. Gerade wegen der Nahe und Bedeutung der Eisen-
bahnbriicke kann der ersteLSsungsgedanke wohl Anspruch darau)
machen, grundlich erwogen zu werden; denn gelange es, die neue
Brucke ais Hubbrucke in harmonischer Anpassung an die
gegebene Eisenbahnhubbriicke zu bringen, so konnte dieses
5. D ie e in g e re ic h te n E n tw iirfe u n d d a s U rte il
des P r e is g e r ich te s .
Das Preisgericht schloB seine Arbeiten zur Beurteilung
der eingereichten Entwiirfe Ende Marz 1925 ab und iiber-
reichte dem Biirgermeister und den Stadtraten von Rotterdam
am 31. Marz 1925 den Bericht. Diesem Bericht sind zwei
Anlagen beigefiigt; „Besprechung der einzelnen Entw iirfe11 und
„Beurteilung der Ausfiihrung des Neubaues mit oder ohne
Hilfsbriicke". W as die asthetischen Eigenschaften der vcr-
schiedenen Entwiirfe betreffe, so gingen sie, wie der Bericht
hervorhebt, sehr auseinander, und es komme nur bei wenigen
die architektonische Darstellung der charakteristischen tech
nischen Bedeutung der Brucke und ihrer Teile sowie die harmo-
nische Anpassung an die Umgebung zum Ausdruck. Besonders
hervorgehoben wird, daB durch die Zuteilung des Preises zwar
ein bestimmter Entw urf in den Vordergrund gestellt werde,
der „die beste Losung der Aufgabe gibt, wie diese im Programm
und den zugehórigen Erlauterungen gestellt ist“ , daB jedoch
hiermit keineswegs ein Urteil dariiber gefjillt werde, ais seien
die anderen Entwiirfe in ihren Grundsatzen und Grundformen
weniger gelungen oder mit Fehlern behaftet.
Nach der ersten Priifung der eingegangenen 22 Entwiirfe
(im ganzen hielt das Preisgericht fiinf Sitzungen ab) wurden
9 Entw urfe ausgeschieden. Es waren dies zunachst die Ent-
wflrfe von einfliigligen und zweifliigligen Drehbriicken mit den
diese ist bereits
ihre unmittelbare
A b b .ll. Einarraige Klappbriicke iiber dep TrollhattakanaJ, ausgefuhrt von Gollnow und Sohn, Stettin.
A . ... .
Aufschriften „F levo “ {Abb. 12), „\Vaterkant“ (Abb.13) und
„R ust Roest“ . Die Drehbriicken halt das Preisgericht fiir einen
im vorliegenden Falle nicht empfehlenswerten Briickentyp,
und zwar in erster Linie wegen der Scliwierigkeiten, die fiir
Wie wahrend der Drucklegung dieses AufEatzes bekannt ge-
worden ist, hat der Gemeinderat der Stadt Rotterdam in seiner
Sitzung vom 19. Februar 1926 nach langeren Beratungen die Aus-
fuhrung einer Doppelklappbrilcke nach dem verbesserten Entwurf
„Op hoop van zeegen" der M. A. N. beschlossen. Die Abstimmnng
ergab 26 Stimmen fiir die Doppelklappbrtickc, wahrend 17 Mitglieder
sich fur eine HubbrOcke nach dem Emmenschen Entwurf „Pentagram
in cirkel" aussprachen.
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